Sehnsucht

Wohin mit der Sehnsucht?

Gestern scrollte ich durch den Feed von „Freyesspielen“. Und eine mir bekannte, aber lange nicht mehr gesehene Sehnsucht traf mich wuchtig. Irland, wildes Neuseeland, Natur, Erde, Wind, Freiheit, Ausgelassenheit, Spiel mit dem Wind, Gras, das sich im Wind bewegt, Licht, dass durch die grünen Zweige fällt, durch die Wolken bricht. Die kühle, feuchte Luft, die auf der Haut dieses unbeschreibliche Gefühl hinterlässt. Die Sehnsucht nach Weite. Nach Grün, nach erdigem Geruch. Nach Pferden, die sich zwischen den Hügeln bewegen. Frei. Die Mähne zerzaust vom Wind. Das Gefühl im Gesicht, die Haut, die fast brennt, vom kalten, nassen Wind. Aussen kalt, innen heiss. Einfach sein, kein Früher, kein Später. Nur da. Tanzende Kinder. Spielende Kinder. Natur. Das Atmen der Erde, der Atmosphäre. Rau, das alles. Und doch so tief sinnstiftend, stimmig, nährend. Das pralle Leben. Mit all seinen Wellen, wuchtig, nimmt dich mit, zerrt an dir, nährt dich gleichzeitig. Kaum zu beschreiben. In mir drin schmerzt das Herz, zieht in alle Richtungen, runter in den Bauch, hoch in die Kehle, hinterlässt einen Kloss und treibt mir die Tränen in die Augen, wenn ich dran denke, wie ich damals in Irland oder Neuseeland auf den Klippen stand und den Wind spürte.

Ein Beben geht durch meinen Körper, wenn ich die Augen schliesse und mir vorstelle, wie sich die Haut anfühlt, wonach sich mein Inneres sehnt. Gänsehaut, von Kopf bis Fuss, bis in den kleinen Finger. Tränen, Schluchzen. Meine Lippen zittern. Eiskalte Hände und Füsse. Ich bleibe dabei, bade darin. Gebe mich den körperlichen Empfindungen hin, denke ans grüne Gras, an das Spiel des Windes, an das Gefühl auf der Haut, wie ich mich fühlte, die Weite damals, die Enge jetzt.

Geb‘ ich ihr nach, der Sehnsucht?

Gestern noch wollte sich der Verstand einschalten, mir sagen, weshalb ich nicht schon lange nach Irland oder Neuseeland ausgewandert bin. Wirft mir alles vor die Füsse, dass ich halt nicht mutig genug bin, meine Wahrheit zu leben, meiner Sehnsucht zu entsprechen. Dass ich, entgegen dem, was ich „predige“, nicht auf meine innere Stimme höre. Nicht darauf höre, dass sich in solchen Momenten jede Zelle und Faser meines Körpers dahin wünscht, sehnt. Und dann folgen all die Erklärungen, weshalb ich noch nicht ausgewandert bin. Schuldzuweisungen an mich, an andere, Gründe, weshalb so und nicht anders. Früher schaltete sich auch der Neid ein, ganz leise, das Stechen in der Brust, das Gras grüner auf der anderen Seite des Zaunes.

Was kann ich stattdessen tun?

Weshalb ich bis heute dieser Sehnsucht nicht komplett gefolgt bin, ist nicht so wichtig. Ich weiss es abschliessend auch nicht. Aber ich weiss, dass ich im JETZT sein will und bin. Und deshalb tue ich in diesen Momenten vor allem eins. Hinhören und spüren. In Austausch gehen mit meiner Sehnsucht. Sie fühlen im Körper, den Kloss im Hals fühlen, das Ziehen in der Brust, im Bauch, die Gänsehaut, die über den Rücken läuft und durch den ganzen Körper. Lasse mich schütteln vom Weinen. Gebe mich hin. Frage, was ich tun kann. Jetzt. Ein kleiner Schritt, den ich jetzt tun kann, um meiner Sehnsucht zu entsprechen. Vielleicht heute nicht auswandern, aber was kann ich in mein Leben holen davon? Natur, Erde, Luft, Ausgelassenheit, Spiel.

Ich gehe in den Garten, suche Frühlingsboten. Finde letztjährige Karotten und muss schmunzeln. Hüpfe mit meiner Tochter über Schwemmholz, wie wilde Pferde. Und finde dann doch noch kleine Spitzen von Tulpen. Meine Hände und Füsse werden wieder warm. Mein Herz ist so offen wie das Meer. Die Wellen finden Raum für ihr Spiel.

Die Wellen. Sie kommen und sie gehen. Früher spülten sie mich durch, nahmen mir die Luft, schlugen mich zu Boden. Um mich dann durchgerüttelt und erschrocken auszuspucken. Heute schwimme ich damit, bekomme manchmal auch etwas länger keine Luft, weiss aber, das sich mich sanft und lebendig entlassen wird, wenn sie abebbt.